Wortgeschichten

Schnee – vom Chlapf bis zur Spuuwete

Illustration: Tizian Merletti
Es gibt sie noch, die Tage, an denen man morgens aufsteht, zum Fenster geht und fast zusammenzuckt, weil über Nacht so viel Schnee gefallen ist. Die Kinder strahlen beim Gedanken an Iglus und Schneebälle, während manche Erwachsenen (wenn sie Bündner oder Urner Dialekt sprechen) fast ehrfürchtig feststellen, es habe a Klapf oder a Täscha Schnee ggee. Oder verächtlicher bemerken, es habe den Schnee häragheit, weil sie schon mit Sorge ans Wegräumen ...
Weiterlesen

Prost!

Illustration: Tizian Merletti
Ob mit Proscht!, Prosit!, Viva!, Cin cin!, zum Wool!, Gsundheit! oder nur mit einem tiefen Blick in die Augen des Gegenübers: Zugetrunken wird in unsern Breitengraden oft und auf unterschiedliche Arten. Wer mit prosit anstösst, wählt einen lateinischen Klassiker, der von proesse kommt und wörtlich «es möge nützlich sein» bedeutet, also in etwa dasselbe wie zum Wool und Gsundheit. Hierzulande wurde er einst von Studierenden eingeführt: Nur sie kon...
Weiterlesen

Erd- und spanischi Nüssli

Illustration: Tizian Merletti
Wenn in den Supermärkten die Berge von Mandarinen und Erdnüssli so gross sind, dass sie einzustürzen und Scharen von Samichläusen von den Beinen zu holen drohen; wenn sich bei den Süssigkeiten vor den Schoggichläusen dramatische Szenen mit quengelnden Kinder abspielen; wenn Brunsli, Mailänderli und Chräbeli den Willisauer Ringli und Nussstängeli den Platz streitig machen (lesen Sie hier) und im Hintergrund auch schon die ersten Dreikönigskuchen i...
Weiterlesen

Timmer, Bränte, Geifetsch – die vielen Namen für den Nebel

Illustration: Tizian Merletti
Besonders in den Herbstmonaten beschert uns der Nebel häufig eine schlechte Sicht. Wenn der Wasserdampf, der an winzigen Staubpartikeln haftet, an der kalten Luft kondensiert, werden die Wassertröpfchen für das menschliche Auge sichtbar, und durch das gleichmässig gestreute Licht erscheint er für uns wie weisse bis hellgraue Schwaden. Die gebräuchlichste Bezeichnung für dieses herbstliche Wetterphänomen ist heute auch im Schweizerdeutschen das Wo...
Weiterlesen
Markiert in:

Wer hat Kinder und Moral unter Kontrolle?

Illustration: Tizian Merletti
Vorausgesetzt, Sie haben kleine Kinder und möchten wieder einmal einen Abend ohne Tränen und herumfliegende Esswaren verbringen: Was tun Sie dann mit den Kindern? Ab zu den Grosseltern oder eine Babysitterin, einen Babysitter organisieren? Deren Name ist natürlich englisch und aus baby «Säugling» und sitter «wer etwas bewacht» zusammengesetzt. Belegt ist schon 1561 der sitter-by, jemand, der (tatsächlich und vor allem bildlich) neben jemandem sit...
Weiterlesen

Hieronymus im Omnibus – zum Internationalen Übersetzertag

Illustration: Tizian Merletti
Der 30. September ist der Internationale Übersetzertag – inspiriert vom Kirchenlehrer Hieronymus, der die Bibel und weitere Schriften ins Lateinische übertrug und Ende September 420 verstarb. Er ist der Patron der Übersetzer, Gelehrten, Lehrerinnen, Schüler, Studentinnen, Korrektoren und Theologinnen. Der Taufname Hieronymus war und ist sehr beliebt – all die Namenträger wie Jérôme, Jerome, Jeroen, Jerónimo, Girolamo/Gerolamo usw. machen die...
Weiterlesen

Auto, Tampfgutsche und Chlepftrotschge – oder: Was das Ross mit dem Chare zu tun hat

Illustration: Tizian Merletti
Mancher nimmt das Velo oder geht zu Fuss, andere fahren lieber mit dem Töffli, und für weitere Strecken fährt man im Zug – oder mit dem Auto. Das Wort Auto fehlt im Idiotikon, weil die beiden – das Automobil und das Schweizerische Idiotikon – in etwa zur gleichen Zeit Fahrt aufgenommen haben, nämlich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Darum findet man auch das typisch nordwestschweizerdeutsche Auti im Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprac...
Weiterlesen
Markiert in:

Von schwangeren Katzen und «grossen» Frauen

Illustration: Tizian Merletti
«Mi Chatz isch schwanger», hörte ich kürzlich im Zug eine jüngere Person erzählen. «Unsere Sprache geht vor die Hunde!», dachte ich mir in diesem Moment. Warum? Nun, in meiner Vorstellung ist unsere Nachbarin vielleicht schwanger, unser Schnurrli hingegen ist trächtig oder eher si treit – und schon bald wird sie wärfe, jüngle oder chätzle und nicht etwa gebäre, ist doch klar. Oder? Dass die sprachliche Trennlinie zwischen Mensch und Tier in diese...
Weiterlesen
Markiert in:

Der stifelsinnige Bauer, die gibelifitzigen Kühe und die gätterliläufige Frau

Illustration: Tizian Merletti
«Nachts hat man auch keine Ruhe mehr. Die ganze Zeit drehst du dich von einer Seite auf die andere, seufzest und jammerst, dass man fast stiefelsinnig wird. Es ist kein Leben mehr in diesen Wänden», klagt der Protagonist in Walter Heinz Müllers Roman «Geld aus Amerika» (Berner Woche 1946, 313). Seiner Frau geht es freilich auch nicht besser: «Ich kann deinetwegen nicht schlafen, oder wenn es endlich ginge, weil du einen Moment ruhig lagst, fängst...
Weiterlesen
Markiert in:

heimlifeiss

Illustration: Tizian Merletti
Heimlifeiss heisst mi Geiss, lautet im Aargau und im Luzernbiet ein Reim eines alten Kinderlieds, das in vielen Varianten seit dem Spätmittelalter bekannt ist. Das ganze Verslein geht so: Nienegnue heisst mi Chue, Heimlifeiss heisst mi Geiss, Türlistock heisst mi Bock, Rübelhoor heisst mis Schoof, Haberstrau heisst mi Frau, Rüfegrind heisst mis Chind. Das Eigenschaftswort heimlifeiss, das in der Nordostschweiz haamlifaass, im Berner Oberland und ...
Weiterlesen
Markiert in:

Basler, Tänzer, Italiener, Benziner. Erfolgsgeschichte einer Silbe

Illustration: Tizian Merletti
-er: gerade mal zwei mickrige Buchstaben sind eine der häufigsten Endungen deutscher Substantive. So klein, dass man sie fast übersieht – aber mächtig, wenn es um die unterschiedlichen Bedeutungsaspekte geht, die diese Silbe ausdrücken kann. Zwei Hauptfunktionen dominieren. Einerseits dient -er dazu, Einwohner- und Herkunfts­bezeichnungen zu bilden: Ein Basler wohnt in Basel oder kommt von dort (und die Baslerin ist zumindest sprachlich ihrerseit...
Weiterlesen
Markiert in:

Frühling auf Schweizerdeutsch: Uustag, Huustage & Langsi, Lanzig

Illustration: Tizian Merletti
Schweizerdeutsch kennt für die Jahreszeit, die dem Winter folgt, drei Worttypen: erstens Uustag oder Huustage, zweitens Langsi oder Lanzig und drittens Früelig oder Früejoor. Verbreitung Im modernen Schweizerdeutsch hat sich der Früelig weitgehend durchgesetzt. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigte sich ein ganz anderes Bild: Langsi galt im Walliser Goms, in Pomatt, Gurin, Uri sowie verbreitet bei den Bündner Walsern, und Lanzig s...
Weiterlesen
Markiert in:

Konfetti, Räppli, Punscherli

Illustration: Tizian Merletti
Werfen Sie an der Fasnacht mit Süssigkeiten um sich? Kaum; sicher werfen auch Sie Konfetti. Bonbons werden nur bei Hochzeiten unter die Hochzeitsgesellschaft und umstehende Zaungäste geworfen. Und doch geht der Brauch des Konfettiwerfens auf Süssigkeiten zurück: Konfetti ist nämlich nichts anderes als das italienische Wort confetti, das wiederum identisch ist mit Konfekt «Zuckerbackwerk». In dieser Form und Bedeutung ist das Wort seit langer Zeit...
Weiterlesen

Chruchtele, Öörli und Chnüüblätz

Illustration: Tizian Merletti
Der Fastenperiode gingen schon in alter Zeit ein paar Tage allgemeiner Ausgelassenheit voraus. So ist, wie man im Schweizerischen Idiotikon nachlesen kann, bereits aus dem Basel des 14. Jahrhunderts überliefert, dass die Fasnacht «mit allerlei Mutwillen und Kurzweil, mit unziemlicher Weise und Gebärde, mit Üppigkeit und Völlerei» einhergeht. Neben durchzechten Nächten und ungeheuerlichen Tänzen war es denn auch Brauch, der Völlerei zu frönen...
Weiterlesen

Chümi, Chlotz und Chlütter

Illustration: Tizian Merletti
«Über Geld spricht man nicht, man hat es.» Dieser Spruch drückt das Unbehagen aus, wenn in einem Gespräch die eigenen finanziellen Verhältnisse thematisiert werden sollen. Geld ist in vielerlei Hinsicht ein Tabuthema, zu gross ist die Angst, man könnte von anderen als Grossverdiener, als armer Schlucker, als Neureicher, als von Schulden geplagt, als Geizhals oder als reicher Erbe taxiert werden. Gleichwohl dringt das leidige Thema immer wieder an...
Weiterlesen
Markiert in:

Elggerfrau und Fröuwi: Die verschollenen Schwestern des Grittibänz

Illustration: Tizian Merletti
Der Grittibänz ist ein böser Bube, ein Wunder, dass ihn der Samichlaus nicht gleich wieder vom Schmutzli in den Sack stecken lässt: Seine Brüder Grättimaa, Elggermaa, Chläus, Nuejoorjoggel und Hanselmaa hat er rücksichtlos verdrängt. Heute sind sie fast ganz vergessen (lesen Sie dazu hier). Was noch weniger bekannt ist: Auch Schwestern gehörten einst zur Familie, bevor der Grittbänz seinen Siegeszug durch (industrielle) Backstuben und Wohnungen a...
Weiterlesen

AB, Hüüsli, Schysshuus & Co. – ein Beitrag zum Welttoilettentag

Illustration: Tizian Merletti
Der 19. November ist der Welttoilettentag. 2011 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen, soll er die Anstrengungen unterstützen, gute Sanitäranlagen einzurichten und damit Krankheiten vorzubeugen. Welche schweizerdeutschen Wörter kennen eigentlich wir oder kannten unsere Vorfahren für den Ort, wo wir unsere Notdurft verrichten? Achtung: Das Folgende erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit ... Fangen wir modern an: Am...
Weiterlesen
Markiert in:

Mira!

Illustration: Tizian Merletti
«Mira, chasch goh. Aber pass uf!», sagt der Vater zu seiner Tochter. Entweder heisst die Tochter Mira (mit langem, geschlossenem i ausgesprochen, in den letzten Jahren immer in der Top 100 der beliebtesten weiblichen Vornamen für Neugeborene), oder der Vater ist einverstanden, dass seine Tochter weg will. Im zweiten Fall ist mira nämlich kein Name, sondern ein Adverb, das auch mit kurzem Vokal ausgesprochen wird. Lautliche Varianten davon sind mi...
Weiterlesen
Markiert in:

Graubünden, Churwalchen, Dreibünden oder Rätien?

Illustration: Tizian Merletti
Der deutsche Name des östlichsten Schweizer Kantons ist Graubünden. Das war aber nicht immer so: Frühere Namen waren Churwalchen, Drei Bünde und Rätien. Daran erinnern zum Beispiel der Berggipfel Dreibündenstein ob Chur und die Rhätische Bahn, die durch den Kanton kurvt. Woher kommen diese Namen und warum trägt der Kanton heute ausgerechnet die Farbe grau im Namen, wo er doch in der Eigen- und Fremdvorstellung vorwiegend unter blauem Himmel liegt...
Weiterlesen
Markiert in:

De Türgg

Illustration: Tizian Merletti
«Vernünftig, sittsam und bescheiden» nennt der Zürcher Pfarrer Johann Jakob Redinger (1619–1688) in seinem Bericht die Türken, die er 1664 auf seiner Reise im Heerlager in Neuhäusel (heutige Slowakei) antrifft. Sein Ziel ist es, den Grosswesir von der nahenden Endzeit in Kenntnis zu setzen und die Türken zum Christentum zu bekehren. Die Türken standen damals im Kriegszustand an der österreichischen Grenze, nicht zum ersten Mal: Ab Mitte des 14.&n...
Weiterlesen
Nach oben