Wortgeschichten

immer

Illustration: Tizian Merletti

Wer in einer Partnerschaft lebt, hat es vielleicht auch schon gehört: Sag niemals «immer»! «Immer sagst du ...», «immer machst du ...» usw. kann eine Auseinandersetzung nur verschlimmern. Aber auch wer Freude hat an bodenständiger, vom Hochdeutschen unabhängiger Deutschschweizer Mundart, weiss einen Grund, niemals «immer» zu sagen – das Wort ist nämlich ein schriftdeutscher Import aus mittel- und niederdeutschen Gefilden, es war den oberdeutschen Dialekten lange Zeit fremd. Im Artikel «immer» des Schweizerischen Idiotikons heisst es denn auch: «Jenes Wort [...] ist in den meisten Mundarten als moderner Eindringling zu betrachten.» Geschrieben wurde das 1881, der Eindringling darf inzwischen wohl etwas gnädiger beurteilt werden ...

Aber was sagen denn die Bodenständigen, was sagten unsere (Ur-)Grosseltern statt «immer»?

  • allewyl und ähnlich ist der Typus der Nordschweiz und gilt/galt von Basel über Aargau, Zürich, Schaffhausen und Thurgau bis St. Gallen, Appenzell und Glarus. Das Wort ist recht durchsichtig und hat im österreichischen «all-/alle-/allerweil» ein Pendant. Eine stark verkürzte Version von alewyl ist das zürcheroberländische äil.
  • allzyt und ähnlich ist ebenso klar wie allewyl, wird aber am Südrand des Schweizerdeutschen gebraucht, nämlich im Wallis und in gewissen Walserdörfern im Piemont. Auch dieses hat ein schriftdeutsches Pendant, nämlich «allzeit», das wir etwa aus dem Pfadfinderspruch «allzeit bereit!» kennen.
  • albig ist das Hauptwort im gesamten Kanton Graubünden sowie im südöstlichen Kanton St. Gallen und ist aus «all» + «Weg» entstanden; bei den Südwalsern gibt es auch die Variante algu. Das Englische hat sich ebenfalls für «alle Wege» entschieden, heisst «immer» dort doch always. (Sprachgeschichtlich das gleiche Wort ist aber auch baslerisch-solothurnisch-bernisch-freiburgisch albe/aube, zürichdeutsch amig(s), innerschweizerisch alle, allig, glarnerisch albig sowie aargauisch und nordostschweizerisch ame(d), aber die bedeuten alle «jeweils»).
  • eisder, eisdig und ähnlich dominiert(e) in der Innerschweiz, im südlichen Aargau und im Solothurnischen und kommt auch im Baselbiet, im Knonauer Amt, im Glarner- und im Gasterland sowie bei den westlichen Bündner Walsern und im ebenfalls walserischen Bosco/Gurin vor. Es ist eine Zusammensetzung von mittelhochdeutsch eines «einmal, einst» und dar «da, dann» (vgl. «immerdar»), womit deutlich wird, dass «immer» auch viel mit Vergangenheit zu tun hat.
  • umeder oder under ist hauptsächlich noch aus dem Kanton Schaffhausen bekannt. Es ist ebenfalls eine Zusammensetzung mit dar; im Vorderglied steckt um.
  • aade ist im St. Gallischen, Appenzellischen und Thurgauischen bekannt. Zu seiner Herkunft kann sich das Schweizerische Idiotikon nur mutmassend äussern.
  • all ist in der ganzen Nordostschweiz verbreitet, man kennt es in Schaffhausen, im nördlichsten Zürich, im Thurgau, in grossen Teilen St. Gallens und im Appenzellerland. Es ist das zu alle gehörige Adverb und hat in allewyl, allzyt und albe sein etwas ausführlicheres Pendant.
  • gäng, geng oder ging gilt flächendeckend vom südwestlichen Kanton Solothurn über das ganze Bernbiet sowie Deutschfreiburg bis ins Wallis sowie Piemont und reicht im Entlebuch auch in den Kanton Luzern hinein. Wörtlich bedeutet es «im Gange, gangbar, gängig», aber wenn etwas «gut läuft», dann läuft es eben auch «in einem fort», womit wir zur Bedeutung «immer» gelangt sind.
  • züe ist eine Walliser und Guriner Spezialität. Als Wort ist es am einfachsten mit schriftdeutsch «fortzu» zu vergleichen.
  • tuschuur, von französisch «toujours», fand oder findet sich quer durch die ganze Deutschschweiz. Aus dem vornehmen Französisch stammend, scheint das Wort eine gewisse Anziehungskraft (gehabt) zu haben.

So viel zu unserer genuin schweizerdeutschen Vielfalt, die im Laufe des 20. Jahrhunderts zu grossen Teilen von schriftdeutsch «immer» verdrängt worden ist. Aber woher stammt den «immer»? Althochdeutsch iomêr war eine Zusammenrückung aus «je» und «mehr» und bezog sich ursprünglich fast nur auf die Zukunft; es bedeutete «künftig, irgendeinmal, jemals». Schon im Mittelhochdeutschen bahnte sich jedoch der Bedeutungswandel zu «jederzeit» an. Auf (alt‑)dialektaler Ebene ist «immer» im westlichen, mittleren, nördlichen und östlichen Deutschland bekannt, fehlt aber im Süden des deutschen Sprachgebiets. Oder fehlte jedenfalls noch bis in die jüngere Vergangenheit ...

 

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Töff

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