Illustration: Tizian Merletti

Wer in einer Partnerschaft lebt, hat es vielleicht auch schon gehört: Sag niemals «immer»! «Immer sagst du ...», «immer machst du ...» usw. kann eine Auseinandersetzung nur verschlimmern. Aber auch wer Freude hat an bodenständiger, vom Hochdeutschen unabhängiger Deutschschweizer Mundart, weiss einen Grund, niemals «immer» zu sagen – das Wort ist nämlich ein schriftdeutscher Import aus mittel- und niederdeutschen Gefilden, es war den oberdeutschen Dialekten lange Zeit fremd. Im Artikel «immer» des Schweizerischen Idiotikons heisst es denn auch: «Jenes Wort [...] ist in den meisten Mundarten als moderner Eindringling zu betrachten.» Geschrieben wurde das 1881, der Eindringling darf inzwischen wohl etwas gnädiger beurteilt werden ...

Aber was sagen denn die Bodenständigen, was sagten unsere (Ur-)Grosseltern statt «immer»?

So viel zu unserer genuin schweizerdeutschen Vielfalt, die im Laufe des 20. Jahrhunderts zu grossen Teilen von schriftdeutsch «immer» verdrängt worden ist. Aber woher stammt den «immer»? Althochdeutsch iomêr war eine Zusammenrückung aus «je» und «mehr» und bezog sich ursprünglich fast nur auf die Zukunft; es bedeutete «künftig, irgendeinmal, jemals». Schon im Mittelhochdeutschen bahnte sich jedoch der Bedeutungswandel zu «jederzeit» an. Auf (alt‑)dialektaler Ebene ist «immer» im westlichen, mittleren, nördlichen und östlichen Deutschland bekannt, fehlt aber im Süden des deutschen Sprachgebiets. Oder fehlte jedenfalls noch bis in die jüngere Vergangenheit ...

 

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