Wortgeschichten

Erd- und spanischi Nüssli

Illustration: Tizian Merletti

Wenn in den Supermärkten die Berge von Mandarinen und Erdnüssli so gross sind, dass sie einzustürzen und Scharen von Samichläusen von den Beinen zu holen drohen; wenn sich bei den Süssigkeiten vor den Schoggichläusen dramatische Szenen mit quengelnden Kinder abspielen; wenn Brunsli, Mailänderli und Chräbeli den Willisauer Ringli und Nussstängeli den Platz streitig machen (lesen Sie hier) und im Hintergrund auch schon die ersten Dreikönigskuchen in die Regale drängen: Dann ist definitiv Advent.

Süssigkeiten und andere Leckereien haben in dieser Jahreszeit Tradition: Der Samichlausspruch Gib mer Nuss u Bire verweist darauf, dass selbst heute alltägliche Esswaren ein willkommenes Extra sein können. Andere Samichlausgaben sind exotischerer Herkunft: Zitrusfrüchte und Nüsse wie Mandeln und Erdnüsschen wachsen in unseren Breitengraden bekanntlich nicht, sondern werden importiert. Das machte sie erst recht zum geeigneten Geschenk, das etwas Glanz in den Alltag bringt (in alten Geschichten strahlen Kinderaugen schon bei einer einzelnen Orange).

Warum aber heissen die Erdnüssli so? Wer auf der Suche nach einer Antwort ins Schweizerische Idiotikon schaut, wird sich für einmal wundern. Unter dem Stichwort Erdnuss werden nämlich zwei andere Pflanzen verzeichnet. In Gächlingen und Schleitheim ist die Ärdnuss die «Knollen-Platterbse (Lathyrus tuberosus)». Zumindest wurde diese Pflanze laut dem 1928 erschienenen Werk «Volkstümliche Pflanzennamen und volksbotanische Mitteilungen aus dem Kanton Schaffhausen» von Georg Kummer früher so genannt. Andernorts heisst sie etwa Winde, früher auch Säubrot. Sie bildet Wurzelknollen, für die die Bezeichnung Erdnuss naheliegend ist. Diese Knollen können wie Kartoffeln zubereitet werden, im Samichlausseckli würde sich aber kein Kind über sie freuen.

Die zweite Pflanze namens Erdnuss ist der «Milchstern (Ornithogalum)», auch bekannt als «Vogelmilch», «Tag-und-Nacht-Blüemli», «Stern von Bethlehem». Diese Blume wäre zwar eine hübsche Weihnachtsdekoration, blüht allerdings nicht im Winter und ist vor allem auch giftig. Wieso sie in Johann Georg Sulzers «Gartenbüchlein» von 1772 (und nur dort) Erdnuss genannt wurde, ist unbekannt.

Und die modernen Erdnüssli «Arachis hypogaea»? Die sind mit der Knollen-Platterbse zwar verwandt, im Gegensatz zu jener sind aber nicht die Wurzelknollen essbar, sondern die Früchte, die sich zur Reifung in den Boden absenken. Im Schweizerischen Idiotikon ist diese Erdnuss schwer zu finden. Bei den Nüssen, die 1898 beschrieben wurden, fehlt sie. Ziemlich sicher war sie damals schlicht noch unbekannt. Sie tritt erst im frühen 20. Jahrhundert in Schweizer Publikationen auf, und zwar als spanischi Nüssli. Unter dem Stichwort spanisch hat sie 1931 dann doch noch Eingang ins Wörterbuch gefunden. Spanisch könnte sich hier darauf beziehen, dass die Pflanze ursprünglich aus den Anden stammt und vielleicht durch die spanische Kolonisation nach Europa kam. Allerdings ist spanisch in der Dialektbotanik und ‑zoologie weit verbreitet. So heisst auch die «Duftende Platterbse (Lathyrus odoratus)» mancherorts spanische Bluest, spanischi Wicke, der «Gemeine Flieder (Syringa vulgaris)» und der «Europäische Pfeifenstrauch (Philadelphus coronarius)» werden spanische Holder genannt, der Käfer namens «Spanische Fliege (Lytta vesicatoria)» Spanischmugg. Gut möglich, dass spanisch in solchen Namen einfach nur «südländisch, exotisch» ohne genauere Herkunftsbestimmung bedeutet. Ganz im Sinn von Maja Brunners (nicht sehr weihnächtlichem) Evergreen: Das chunnt eus spanisch vor!

Ob spanisch vermittelt oder einfach nur exotisch, das muss uns bald nicht mehr kümmern. Nach kaum 100 Jahren verschwindet der Name spanischi Nüssli heute nämlich schon wieder und macht dem standardsprachnahen Erdnüssli Platz. Der ersetzt den Bezug zu Spanien durch den biologisch korrekten Bezug zur Erde. Einziger Schönheitsfehler: Erdnüsse sind gar keine Nüsse, sondern Hülsenfrüchte.

Permalink: https://www.idiotikon.ch/wortgeschichten/spanischi-nuessli

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