Wortgeschichten

AB, Hüüsli, Schysshuus & Co. – ein Beitrag zum Welttoilettentag

Illustration: Tizian Merletti

Der 19. November ist der Welttoilettentag. 2011 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen, soll er die Anstrengungen unterstützen, gute Sanitäranlagen einzurichten und damit Krankheiten vorzubeugen. Welche schweizerdeutschen Wörter kennen eigentlich wir oder kannten unsere Vorfahren für den Ort, wo wir unsere Notdurft verrichten? Achtung: Das Folgende erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit ...

Fangen wir modern an: Am geläufigsten ist in der urbanen Deutschschweiz heute wohl s Weezee bzw. s WC. Zugrunde liegt das englische water closet, welches der Oxford English Dictionary schon aus dem Jahr 1755 belegen kann. Anders als der gut schweizerische Wēkā, der militärische W(iederholungs)k(urs), gibt es im Schweizerischen Idiotikon keinen Eintrag Wēzē – offenbar wurde das Wort von der Redaktion als zu wenig einheimisch betrachtet. Ein anderes geläufiges Wort ist die Tuelette, Tualette, Twalette, die im Idiotikon gleich mit vier Bedeutungen vertreten ist: «Decke für den Putztisch (?)» mit einem Beleg von 1719; «Putztisch, Raum, wo man sich mutzen kann» aus dem Basel wohl des 19. Jahrhunderts; «Abtritt, als feinerer Ausdruck neben den Synonymen Abē und Hǖsli»; und schliesslich «weibliches Gesellschafts‑, Ballkleid» aus dem Basel und Bern der Belle Epoque (vgl. noch heute die «Abendtoilette»). Die Bedeutungsentwicklung muss man sich so vorstellen, dass das französische Wort für das Tüchlein, la toilette (zu toile «Tuch») mit der Zeit sowohl auf den Raum überging, wo es lag (zum einen machte man sich dort hübsch, zum andern erleichterte man sich auch), als auch auf Dinge, die mit diesem Raum sonst verbunden sind (man kleidete sich dort auch an).

Springen wir gleich zum erwähnten Aabee oder AB – auch hier fehlt der Artikel Abē im Idiotikon, vielleicht weil Wörter, die zugleich eine Abkürzung sind, für ein Wörterbuch eine Hürde sein können. AB ist eine verschämte Alternative für Abtritt, so wie WC für Water Closet. «Abtritt» hingegen war hierzulande offenbar einst das gewöhnlichste Wort: Im Schweizerischen Idiotikon dient es etwa dreissigmal als Definitionswort für die «sanitäre Vorrichtung oder Anlage zur Aufnahme von Körperausscheidungen», wie im Wiktionary dieser Ort definiert wird. Beim Abtritt handelt es sich um eine Ableitung von abtreten «weg-, hinausgehen»; ein Abtritt ist also zunächst einmal «das Abtreten, der Abgang», sei es in den Ausstand, zur Beratung, als Rücktritt oder als Weggang. Der Weggang, um ein unnennbares Geschäft zu verrichten, wurde dann auf den Ort übertragen, wo diese Verrichtung stattfand: die Toilette.

A propos «unnennbar»: Die Scham hat der Toilette zahlreiche Benennungen verschafft. Da wäre einmal das Örtli, laut Idiotikon besonders in der Fügung i muess an es Örtli. Dessen lateinische Variante ist der aus der Innerschweiz bezeugte Looke, man vergleiche hierzu den schriftdeutschen «Lokus». In Zürich kannte man im 19. Jahrhundert s Nummere hunderti, was mit der Zimmernummerierung in den damaligen Hotels zu tun haben könnte. Die Unnennbarkeit des Ortes führte im älteren Schweizerdeutsch auch zu – wie es im Idiotikon heisst – «decenten» Ausdrücken wie heimlichs Gmaach, Heimligmaach, Heimlichkeit oder, in der Deutschschweiz des 19. Jahrhunderts noch weit verbreitet, latinisiert das oder die Priveet (oder Breveet, Privaat, Provaat, Proveet) sowie Sekreet (auch Sekareet und ähnlich). Der appenzellische Volksdichter Hans Konrad Frick schrieb angesichts des Deutsch-Französischen Krieges 1871: i ’s Sekareed use woored mer e füere [nämlich den Oofloods-Prüüß] ond ondeschi ond öbeschi ’s Tööfls laxiere! «ins Sekret hinaus würden wir ihn, den Saupreussen, führen und ihm, beim Teufel, Abführ- und Brechmittel verabreichen». 1280 hiess es in einer Basler Urkunde, «der wec in den hof und in den garten und di private ist [allen Anwohnern] gemeine». 1491 ist die Rede von einem «pryvedt oder haimligkeit» an der St. Galler Stadtmauer, und 1529 ist in Andelfingen ein Gefangener «entrunnen und durch ein sekret oder heimlich gemächt nider gefallen». Ein weiteres hierhergehöriges Wort ist uns Heutigen unverständlich geworden: das in einer Zürcher Urkunde von 1303 genannte Geschwäs. Es ist von mittelhochdeutsch geswæse abgeleitet, was «heimlich» bedeutete. Abstrakt zu und her geht es auch bei der Komoditäät (Luzern) und der Chummlichkeit (Basel) – beides Begriffe, die «Bequemlichkeit» bedeutet.

Ein anderer Weg, das Ding nicht bei seinem eigentlichen Namen nennen zu müssen, ist, ihm einen scherzhaften Übernamen zu verleihen. In Basel und Zürich sagte man im 19. Jahrhundert der Toilette auch Apiteeg, im Thurgau und in Zürich Chanzlei und in Appenzell, auf Davos und im St.-Gallischen Schrybstube. Und wer dort verweilte, tat chanzleie oder sigle. Auf dem Abtritt wurde aber auch gerne geschwatzt und verhandelt – und so kam es, dass das mittelhochdeutsche Sprachhus, das ursprünglich die Bedeutung «Rat-» oder «Gerichtshaus» hatte, schon früh auch im Sinne von «Toilette» gebraucht wurde. 1391 heisst es in einer Luzerner Quelle, die Besitzer der beiden anstossenden Häuser «sullent den obern gang zuo dem obern sprachhuse glych haben und niessen». Und 1433 erlaubte in Bremgarten ein Anstösser dem Abt und Konvent des Gotteshauses Muri, «dass sy durch die mur des huses ein sprachhüslin oder provet, wie dann es benannt wurde, uf syn hofstatt richten möchtend». Die Mundart des 19. Jahrhunderts kannte das Spraachhuus nicht mehr, wohl aber (zürichdeutsch) das Raathuus, das den gleichen Hintergrund hat. Eine Basler Spezialität war das Ma-chère-Bänggli, wozu das Idiotikon schreibt: «Junge Mädchen pflegen an jenem Orte [nämlich dem Abtritt] mit Vorliebe ihre Geheimnisse zu verhandeln und einander etwa mit den Worten Kumm, ma chère, i mues der eppis verzelle dazu einladen».

Eine weitere Gruppe von Bezeichnungen für die Toilette gehen vom Ort aus, wo sie sich befindet oder viel mehr einst befand. Wohl überall kennt man noch heute das Hüüsli – einst ein mehr oder weniger selbständiger Verschlag im oder am Haus oder ausserhalb des Hauses. Ganz ähnlich herzuleiten ist das noch im 19. Jahrhundert ebenfalls weit verbreitete Läubli. Im Aargau kannte man gleichbedeutend auch die Hütte, in Basel das Ghyys (Ghüüs). Das ebenfalls baslerische Gängli verweist auf die Lage zuhinterst im Flur. Der Hoff in Bosco/Gurin ist nach dem Ort benannt, wo der Abtritt früher lag. Anschliessen können wir hier noch das Haslitaler Gänterli und das Nidwaldner Kabineet: Ein Gänter ist eigentlich ein Verschlag, eine Seitenkammer, so wie das freilich viel vornehmere Kabinett eigentlich ein kleines Nebenzimmer bezeichnet.

Nach all den Umschreibungen und Verhüllungen kommen wir zum Kern: Schysse, Schyssi, Schysshuus.Schysse war im 19. Jahrhundert ein Wort der Innerschwyz, d Schyssi ist wohl gesamtdeutschschweizerisch bekannt. Laut Idiotikon konnte sie scherzhaft auch «für den betreffenden Körperteil» gebraucht werden: D Schyssi hööch obe haa wurde im aargauischen Freiamt von einem oder einer Hochbeinigen, Hochgewachsenen gesagt. Auch das Schysshuus hat in der Deutschschweiz eine weite Verbreitung. «An die wenig sorgfältige Bauart und geringe Wertschätzung des betreffenden Gebäudes», wie es das Idiotikon 1891 formulierte, knüpfen zahlreiche Redewendungen an; so sagt man in Zürich von einem «Hochmutsnarren», er mäint si(ch) wie-n-es Schysshuus oder er häd e Mäinig wie-n-es Schysshuus, mit andern Worten: eine Meinung von sich, die nichts taugt. Und im 16. Jahrhundert schrieb das Berner Multitalent Niklaus Manuel über die scholastischen Wortklaubereien, er «könnte die subtilen schuolerleeren alle im schysshus umkeeren».

Jetzt aber hört der Autor auf, denn er mues näime hii, wie es laut Schweizerischem Idiotikon, Band II, Spalte 1316 «in verdeckender Rede» heisst ...

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Mira!

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