Wortgeschichten

Warum der Begriff Töchtiwiib heute tabu ist, das Wybermahl aber die Frauen von Hettiswil weiterhin erfreut

Illustration: Tizian Merletti

Was ist der Unterschied zwischen einem Wiib und einer Frau? Kommt auf die Epoche und die Region an: Das mittelhochdeutsche wîp bedeutete schlicht «Frau», ebenso neutral wie der man «Mann», wogegen eine vrouwe eine «Herrin, Gebieterin», jedenfalls eine «Frau von höherem Stand» war. Diese Verhältnisse haben sich in der heutigen Standardsprache verschoben, das Weib ist eine abschätzige Bezeichnung und die Frau das allgemeine Wort für eine «weibliche Person» geworden. In den Mundarten finden sich aber noch Reste der alten Verhältnisse: In den südwalserischen Sprachinseln Norditaliens ist das Wiib die «Ehefrau», die Frau dagegen bis in die jüngere Gegenwart die «signora; vornehme, reiche Frau» – man kann in Gressoney daher sagen Das Wiib isch e Frou «Diese Frau ist vornehm».

Mitte des 20. Jahrhunderts galt Wiib vor allem im Schweizer Mittelland als abwertend, in alpinen Gegenden dagegen teilweise bloss als veraltet oder aber als das Wort, das einfache Leute benützten, während vornehmere Personen von Frauen sprachen. Im bündnerischen Igis war mis Wiib sogar eine zärtliche Bezeichnung. Und in einer beispielsweise aus Davos überlieferten Redensart heisst es: Di Puurä häin Wiiber, d Spengler [die Fahrenden] und d Heerä häin Frauä. Insbesondere die Frau Pfarrer wurde vielerorts als solche angesprochen.

Eindeutig negativ konnotiert war das Wort Wiib dagegen im späteren 20. Jahrhundert in der Schülersprache: Ein Töchtiwiib war eine wenig freundliche Bezeichnung für eine Schülerin der Zürcher Töchterschule. Wer weiss, ob heutige Schüler ihre Kolleginnen noch abschätzig Wiiber nennen? Politisch korrekt ist das Wort jedenfalls nicht mehr. Im Zug der Frauenbewegung im späten 20. Jahrhundert bezeichneten sich zwar manche Frauen selbst als Wiiber und versuchten so die Deutungshoheit über den Terminus zurückzuerobern; in einem Inserat im Tages-Anzeiger vom 17. August 1985 etwa suchten «zwöi lustigi Wiiber es Pendant mit guete Närve», und ein 2001 gegründetes Netzwerk lesbischer Berufsfrauen heisst WyberNet. Allgemein rehabilitiert wurde das Wort Wiib dennoch nicht.

Erhalten hat es sich dagegen im Namen des Wybermahls von Hettiswil bei Burgdorf. Solche Mähler kannte man früher vor allem im Osten des Aargaus und im angrenzenden Zürichbiet. Sie waren eine «alle 2–3 Jahre stattfindende Lustbarkeit der Frauenwelt eines Dorfes. Die Frauen versammeln sich dabei im Hause derjenigen von ihnen, die als Wiiberhauptmann bezeichnet ist, und werden dann mit Musik ins Wirtshaus zu einem Abendessen abgeholt, dessen Kosten aus der Wiiberkasse bestritten werden. Nachher stellen sich auch die Männer ein und das Fest schliesst mit Tanz.» Die lokale Wiiberkasse, aus der das Fest bezahlt wurde, äufneten die Bräutigame durch die Gabe, die sie am Abend vor ihrer Hochzeit schuldig waren. Wegen Ausschweifungen an solchen Anlässen wurden diese Festivitäten von den Obrigkeiten verboten, so in einem Zürcher Mandat schon Mitte des 17. Jahrhunderts.

Das Wybermahl von Hettiswil hat andere Wurzeln: Zum Dank für ihren Einsatz bei der Verteidigung des Klosters Hettiswil im Guglerkrieg 1375 soll den einheimischen Frauen zuerst ein Wald, später der Ertrag der heute noch so genannten Wybermatte zur Nutzung überlassen worden sein. Weil sie den Nutzen aber beim Wybermahl vertranken, wurde auch dieses Fest 1870 von der (männlichen) Berner Regierung verboten. Der Nutzen der Matte wurde stattdessen zur «Erziehung des heranwachsenden weiblichen Geschlechts» bestimmt, konkret für die Handarbeitsschule. Die Einführung der Koedukation im Kanton Bern führte dann dazu, dass die den Frauen vorbehaltenen Gelder plötzlich auch Knaben zugute gekommen wären, und so findet seit 1990 unter dem Patronat des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Hettiswil alle zwei Jahre wieder ein Wybermahl statt – «Zutritt nur für Hettiswiler Frauen!», wie der Verein schreibt.

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