Wortgeschichten

Schnee – vom Chlapf bis zur Spuuwete

Es gibt sie noch, die Tage, an denen man morgens aufsteht, zum Fenster geht und fast zusammenzuckt, weil über Nacht so viel Schnee gefallen ist. Die Kinder strahlen beim Gedanken an Iglus und Schneebälle, während manche Erwachsenen (wenn sie Bündner oder Urner Dialekt sprechen) fast ehrfürchtig feststellen, es habe a Klapf oder a Täscha Schnee ggee. Oder verächtlicher bemerken, es habe den Schnee häragheit, weil sie schon mit Sorge ans Wegräumen ...
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Prost!

Ob mit Proscht!, Prosit!, Viva!, Cin cin!, zum Wool!, Gsundheit! oder nur mit einem tiefen Blick in die Augen des Gegenübers: Zugetrunken wird in unsern Breitengraden oft und auf unterschiedliche Arten. Wer mit prosit anstösst, wählt einen lateinischen Klassiker, der von proesse kommt und wörtlich «es möge nützlich sein» bedeutet, also in etwa dasselbe wie zum Wool und Gsundheit. Hierzulande wurde er einst von Studierenden eingeführt: Nur sie kon...
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Erd- und spanischi Nüssli

Wenn in den Supermärkten die Berge von Mandarinen und Erdnüssli so gross sind, dass sie einzustürzen und Scharen von Samichläusen von den Beinen zu holen drohen; wenn sich bei den Süssigkeiten vor den Schoggichläusen dramatische Szenen mit quengelnden Kinder abspielen; wenn Brunsli, Mailänderli und Chräbeli den Willisauer Ringli und Nussstängeli den Platz streitig machen (lesen Sie hier) und im Hintergrund auch schon die ersten Dreikönigskuchen i...
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Wer hat Kinder und Moral unter Kontrolle?

Vorausgesetzt, Sie haben kleine Kinder und möchten wieder einmal einen Abend ohne Tränen und herumfliegende Esswaren verbringen: Was tun Sie dann mit den Kindern? Ab zu den Grosseltern oder eine Babysitterin, einen Babysitter organisieren? Deren Name ist natürlich englisch und aus baby «Säugling» und sitter «wer etwas bewacht» zusammengesetzt. Belegt ist schon 1561 der sitter-by, jemand, der (tatsächlich und vor allem bildlich) neben jemandem sit...
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Der stifelsinnige Bauer, die gibelifitzigen Kühe und die gätterliläufige Frau

«Nachts hat man auch keine Ruhe mehr. Die ganze Zeit drehst du dich von einer Seite auf die andere, seufzest und jammerst, dass man fast stiefelsinnig wird. Es ist kein Leben mehr in diesen Wänden», klagt der Protagonist in Walter Heinz Müllers Roman «Geld aus Amerika» (Berner Woche 1946, 313). Seiner Frau geht es freilich auch nicht besser: «Ich kann deinetwegen nicht schlafen, oder wenn es endlich ginge, weil du einen Moment ruhig lagst, fängst...
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Basler, Tänzer, Italiener, Benziner. Erfolgsgeschichte einer Silbe

-er: gerade mal zwei mickrige Buchstaben sind eine der häufigsten Endungen deutscher Substantive. So klein, dass man sie fast übersieht – aber mächtig, wenn es um die unterschiedlichen Bedeutungsaspekte geht, die diese Silbe ausdrücken kann. Zwei Hauptfunktionen dominieren. Einerseits dient -er dazu, Einwohner- und Herkunfts­bezeichnungen zu bilden: Ein Basler wohnt in Basel oder kommt von dort (und die Baslerin ist zumindest sprachlich ihrerseit...
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Konfetti, Räppli, Punscherli

Werfen Sie an der Fasnacht mit Süssigkeiten um sich? Kaum; sicher werfen auch Sie Konfetti. Bonbons werden nur bei Hochzeiten unter die Hochzeitsgesellschaft und umstehende Zaungäste geworfen. Und doch geht der Brauch des Konfettiwerfens auf Süssigkeiten zurück: Konfetti ist nämlich nichts anderes als das italienische Wort confetti, das wiederum identisch ist mit Konfekt «Zuckerbackwerk». In dieser Form und Bedeutung ist das Wort seit langer Zeit...
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Elggerfrau und Fröuwi: Die verschollenen Schwestern des Grittibänz

Der Grittibänz ist ein böser Bube, ein Wunder, dass ihn der Samichlaus nicht gleich wieder vom Schmutzli in den Sack stecken lässt: Seine Brüder Grättimaa, Elggermaa, Chläus, Nuejoorjoggel und Hanselmaa hat er rücksichtlos verdrängt. Heute sind sie fast ganz vergessen (lesen Sie dazu hier). Was noch weniger bekannt ist: Auch Schwestern gehörten einst zur Familie, bevor der Grittbänz seinen Siegeszug durch (industrielle) Backstuben und Wohnungen a...
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Graubünden, Churwalchen, Dreibünden oder Rätien?

Der deutsche Name des östlichsten Schweizer Kantons ist Graubünden. Das war aber nicht immer so: Frühere Namen waren Churwalchen, Drei Bünde und Rätien. Daran erinnern zum Beispiel der Berggipfel Dreibündenstein ob Chur und die Rhätische Bahn, die durch den Kanton kurvt. Woher kommen diese Namen und warum trägt der Kanton heute ausgerechnet die Farbe grau im Namen, wo er doch in der Eigen- und Fremdvorstellung vorwiegend unter blauem Himmel liegt...
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Füürioo, felchioo, chindenoo!

Mit Feuer spielen ist gefährlich: Leicht steckt man dabei Haus und Hof in Brand. Brennt es lichterloh, ruft man laut füürioo!, um andere zu warnen. Das haben in der Deutschschweiz seit 1973 Generationen von Kindern mit dem Kasperlitheater Füürio, de Zeusli chunnt! gelernt. Früher war das Allgemeinwissen, heute ruft dagegen kaum mehr jemand füürioo. In der Not schreit man Hilfe! (ein Wort, dessen Form die Entlehnung aus der Standardsprache verrät;...
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Warum der Begriff Töchtiwiib heute tabu ist, das Wybermahl aber die Frauen von Hettiswil weiterhin erfreut

Was ist der Unterschied zwischen einem Wiib und einer Frau? Kommt auf die Epoche und die Region an: Das mittelhochdeutsche wîp bedeutete schlicht «Frau», ebenso neutral wie der man «Mann», wogegen eine vrouwe eine «Herrin, Gebieterin», jedenfalls eine «Frau von höherem Stand» war. Diese Verhältnisse haben sich in der heutigen Standardsprache verschoben, das Weib ist eine abschätzige Bezeichnung und die Frau das allgemeine Wort für eine «weibliche...
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Jaamerlise und Göölipeeter

Ruodi war mein Grossonkel, Dorotee ist die Cousine meiner Mutter, Rees mein Arbeitskollege, Triine eine stadtbekannte Wirtin und ich bin Tiis. So weit, so eindeutig – Namen helfen uns im Alltag, zielgerichtet und genau von Personen zu sprechen. Wenn ich von Triine erzähle, muss ich nicht wortreich erklären, dass das die ist, die in diesem Restaurant im Norden der Stadt (wie hiess es nochmal?) wirtet. Wer Triine kennt, weiss, von wem die Rede ist....
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Stubefuchs und Neujohrchälbli, Ofechatz und Feischtergüggel

Jahreswechsel! Letzte Gelegenheit, im alten Jahr doch noch einmal unter den Ersten zu sein! Erste Chance, im neuen zu spät zu kommen! Der Jahreswechsel als Ende und Neuanfang war früher mit verschiedenen Spielereien verbunden, die heute vermutlich mehrheitlich vergessen sind. Wer am 31. Dezember (je nach Region am 1. Januar) zuerst aufstand und in der Stube erschien, war der Stubefuchs oder Stubehund und galt als besonders zuverlässig. ...
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Auf- und abwärts: Warum ausserhalb des Deutschwallis niemand weiss, wohin embri und embrüf führen

Walliser Dialekte sind die exotischsten, da sind sich in der übrigen Deutschschweiz alle einig. Hier gibt es so altertümliche Formen wie gizogu für das in den meisten Dialekten übliche zoge, hier heisst es Hiischer statt Hüüser, dem Vögeli sagt man Vogelti. Zwar gibt es auch andernorts sprachliche Besonderheiten, aber nur im Wallis (und in den Sprachinseln im Piemont und im Tessin, die von dort aus besiedelt wurden) treten sie in dieser Häufung a...
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Bschüssig: Was Teiggis von Pasta unterscheidet

In klassischen Schweizer Kochbüchern werden Rezepte wie Älplermagronen beschrieben, in modernen Foodblogs geht der Trend eher zu Gerichten wie Strozzapreti mit Barba di frate, bei denen manche gar nicht wissen, was die Zutaten sind (wörtlich Priesterwürger mit Mönchsbart; eine Art geschwungener Teigwaren mit Salzkraut, das ähnlich wie Spinat zubereitet wird). In den Gestellen der Supermärkte stehen darum heute auch mehr oder weniger exotische Leb...
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Fastenspeisen: Conterser Bock, g’chüechlets Ei und Krosseier

An Freitagen und zur vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern wurden insbesondere in katholischen Gegenden noch vor nicht allzu langer Zeit bestimmte Speisegebote streng eingehalten; das Wort fasten selbst ist möglicherweise verwandt mit fest und bedeutet dann eigentlich «(am Gebot) festhalten». In der Fastenzeit verboten ist das Fleisch von Warmblütern (daher der Freitag als Fischtag). In älterer Zeit umfasste das Fastengebot ausserdem auch Alkohol,...
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Mit dem Chriesimaa im Bett

Wenns wieder kalt ist, freut man sich abends über ein warmes Bett. Damit das Bettzeug einen nicht mit Eiseskälte empfängt, legt man etwa eine mit heissem Wasser gefüllte Bettfläsche aus Gummi oder Metall ins Bett und wärmt es vor. Klassischer ist die Bettpfanne: laut Schweizerischem Idiotikon ein «trommelförmiges hohles Kupfergeschirr mit Stiel, das mit glühenden Kohlen gefüllt im Bette hin- und hergezogen wird, um es zu wärmen». Eine solche Pfan...
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Hat der Mann im Mond auch eine extraterrestrische Kollegin?

Wer bei Vollmond zum Himmel schaut, sieht ihn vielleicht, den Mann im Mond … wobei eindeutig zu erkennen ist er nicht. Online finden sich zig Erklärungen, wo genau sein Gesicht oder sein Körper wahrzunehmen sei. Sicher ist nur, dass Strukturen auf der Mondoberfläche, die von blossem Auge sichtbar sind, als menschliche Figur interpretiert werden. Schon Konrad von Megenberg schrieb in seinem «Buch der Natur» im 14. Jahrhundert: Der mon hat in ...
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zügeln, Zügeltag

Der 1. April und der 1. Oktober sind in weiten Teilen der Schweiz offizielle Zügeltage. Wer in der Deutschschweiz aufgewachsen ist, weiss natürlich, dass das keine amtlichen Fastentage sind, sondern dass dann viele Wohnungsumzüge stattfinden. Aber schon im nahen Ausland ist erklärungsbedürftig, dass zügle «von einer Wohnung in eine andere umziehen» bedeutet. Der Wohnungswechsel hiess aber auch in der Deutschschweiz nicht immer und überall so. Der...
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Was am Feierabend so läuft: Ofen einfeuern, Tische scheuern, Kinder ins Bett steuern

Wenn die Eltern des Schreibenden ihre Kinder abends langsam im Bett sehen wollten, hiess es: Fiiroggna, sus gits kei Guatnachtgschicht – eine Aufforderung, das Pyjama anzuziehen und die Zähne zu putzen. Jahrelang behaupteten sie, das auffällige Wort komme vom angeblichen Feierabendrock, den man abends anziehe, eben dem Pyjama. Bis die vermeintlich auf die eigene Familie beschränkte Bezeichnung unverhofft doch noch verwandtschaftlichen Anschluss f...
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