Der Sechseläutenböögg und andere Bööggen

Jeden April wird am Zürcher Sechseläuten der Böögg verbrannt, ein auf einem zehn Meter hohen Holzhaufen stehender, mit Holzwolle und Knallkörpern gefüllter Schneemann. Bevor der Böögg im 19. Jahrhundert eine Angelegenheit der Zünfter wurde, trugen Knaben aus den verschiedenen Quartieren solche den Winter darstellenden Strohpuppen zur Schau durch die Stadt und verbrannten sie anschliessend.

Das Wort ist oder war auch ausserhalb Zürichs bekannt und bezeichnet(e) in der ganzen Deutschschweiz eine vermummte Person, die sich an der Fasnacht und ähnlichen Anlässen bettelnd, die Jugend erschreckend und allerlei andern Unfug verübend auf den Strassen herumtreibt. Bööggen trieben ihr Unwesen oft recht hemmungslos; so heisst es 1417 aus Basel, es sei als neue Gewohnheit aufgekommen, im Advent als Böögg verkleidet ehrbare Leute in ihren Häusern zu überfallen. Im gleichen Jahr erliess der Luzerner Rat ein Verbot, an der Fasnacht als Böögg herumzugehen. 1579 wurde in Luzern abermals verkündet, es werde mit Gefängnis bestraft und zehn Gulden gebüsst, wer sich als Böögg verhülle. In älteren Zeiten gab es in der Stadt Zürich Sächsilüüte-Böögge, die mit dem heutigen Böögg überhaupt nichts zu tun hatten: Es handelte sich vielmehr um Männer, deren Verkleidung aus einem über und über mit Schneckenhäuschen besetzten Gewand bestand. Nach und nach scheint sich die Obrigkeit aber durchgesetzt zu haben, heisst es doch 1786 aus Zürich, am Hirsmontag sehe man keine Mummereien und keine Bööggen mehr. Dass Maskierungen und Verkleidungen inzwischen wieder so beliebt geworden sind, ist zu einem grossen Teil der Brauchtumserneuerung des 20. Jahrhunderts zu verdanken.

Woher das Wort Böögg kommt, ist ungewiss. Im Englischen gibt es ein bogy, bogle oder boggle, das ebenfalls die Schreckgestalt bezeichnet und vom zwanzigbändigen Oxford English Dictionary am liebsten auf das walisische bwg (sprich bug) „Geist“ beziehungsweise bwgwl (sprich bugul) „Schrecken“ zurückgeführt würde – gäbe es nicht auch den alemannischen Böögg und den schwäbischen Bockelmann. Ob die englischen und deutschen Wörter zusammengehören, ist freilich nicht weniger unsicher. Kaum zweifelhaft ist hingegen, dass Böögg im Sinne von „Klümpchen vertrockneten Nasenschleims, Popel“ und „Blütenrest am Kernobst“ mit der Bedeutung „Schreckgestalt“ zusammengehören – wie übrigens auch im Englischen bogy sowohl für „Schreckgespenst“ als auch für „Popel“ steht. Auszugehen wäre dabei von einer gemeinsamen Grundidee des Schrecklichen, Monströsen einerseits und des Ekelhaften, Verkümmerten, Missgestalteten anderseits. Vielleicht müsste man auch dem Zürcher Böögg eine etwas grimmigere Gestalt verleihen...

(29. April 2014, CL)

 

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